Der Leistungsgedanke in einer Gesellschaft - Gegen den aktuellen Trend
- Jörg Großkopf

- 19. März
- 4 Min. Lesezeit

Für eine gerechte Leistungsgesellschaft.
Für eine gerechte, leistungsorientierte Bildungspolitik.
Gedanken von Jörg Großkopf.
Es ist wohltuend und wichtig, dass der Leistungsbegriff wieder in einen richtigen Kontext gesetzt wird, indem Leistung und Gerechtigkeit in einem unabdingbaren Zusammenhang gesehen werden.
Die Gründe mögen vielschichtig und widersprüchlich sein: Aber Fakt ist, dass der Begriff „Leistung“ in einigen Bevölkerungsgruppen negativ besetzt ist. Bekannt sind die Erscheinungsformen wie „Work Life Balance“, „Wokeness“ oder die alternativen Lebensentwürfe von „Klimaklebern“ oder der „Generation Z“ usw. Die Angehörigen dieser „postmateriellen Generation“ verbindet nicht selten die Tatsache, dass ihr eigener Beitrag für die Gesellschaft ziemlich überschaubar ist.
Das kann man vielleicht noch alles als einen anderen individuellen Lebensentwurf abtun. Viel bedenklicher sind allerdings die Auswirkungen bei der frühkindlichen Erziehung und Bildung. Dass man in den ersten Schuljahren noch auf die Vergabe von Zensuren verzichtet, kann man diskutieren. Aber dass im Sportunterricht beim Weitsprung keine Weitenmessung mehr erfolgt, sondern nur „das Springen an sich und kein Vergleich“ stattfinden soll, widerspricht jedem Leistungsgedanken. Das setzt sich fort bis zu den Bundesjugendspielen mit ähnlichen Tendenzen. Da, wo man bestenfalls Talente entdecken will, die später bei Olympischen Spielen Gold für dieses Land gewinnen sollen. Der eklatante Widerspruch zwischen realitätsfernen Visionen von Weltspitzenleistungen und der knallharten Wirklichkeit mit dem Anspruchsniveau von Freizeitsportlern wird hier am deutlichsten sichtbar.
Die kontinuierlich sinkenden Ergebnisse der Schulleistungen bei den PISA-Studien sprechen ebenfalls für sich. Die Leistungen sind nicht so schlecht, weil die Kinder dumm wären. Nein, sie sind so schlecht, weil ihnen die profanen Leistungsvoraussetzungen fehlen. Das ist die Leistungsfähigkeit, die man sich mit Fleiß erarbeitet. Und das ist die Leistungsbereitschaft, die positive Motivation.
Diese Leistungsmotivation haben bei Schulbeginn fast alle Kinder und sie ist teilweise da sogar noch stark ausgeprägt. Es ist ein Phänomen im allerschlechtestem Sinne, wie diese positiven Motivationen bei dem größten Teil der Schüler in unserem Schulsystem bereits nach wenigen Monaten unwiederbringlich verloren gehen. Das ist eine Bankrotterklärung des Bildungssystems mit weitreichenden negativen Folgen für die Gesellschaft.
Das Land der Dichter und Denker
In der Geschichte der Menschheit gab es von Beginn an und über alle Gesellschaftssysteme hinweg stets Menschen, die etwas anderes oder mehr wollten als die Masse der anderen. Nennen wir es Neugier, Wissensdrang, Begabung oder irgendetwas in dieser Art. Einfach mehr wissen wollen oder er etwas Neues erfinden. Manche haben ein Leben lang gesucht und geforscht und manchen ist es einfach zufällig in den Schoß gefallen. Manche waren so hoch leistungsmotiviert, dass es an „positiver Besessenheit“ grenzte.
Entscheidend ist das Resultat. Es waren die innovativen Leistungen dieser Menschen, die die Weiter- und Höherentwicklung der Menschheit überhaupt erst möglich gemacht haben. Die Kulturschaffenden, Schriftgelehrten und Philosophen, wie auch die Denker aus der „praktischen Welt“: Die Erfinder, Ingenieure, Physiker, Chemiker und ja, auch die Unternehmer, Facharbeiter und Arbeiter.
Das kulturelle Erbe und die wirtschaftlichen Erfolge bleiben. Sie sind durch die Arbeitsleistung eines ganzen Landes über Jahrhunderte entstanden und darauf können die Bewohner dieses Landes berechtigt stolz sein. Genauer gesagt, es können die jetzigen Bewohner auf das stolz sein, was ihre Vorfahren geleistet haben und auf das, was sie selbst bisher geleistet haben. Wer sich lediglich auf die zufällige Geburt in diesem Land berufen kann, sollte eher zurückhaltend mit dem Begriff „Stolz“ umgehen.
Nationales Identitätsbewusstsein und Patriotismus
Die Entwicklung eines gesunden nationalen Identitätsbewusstseins ist momentan kaum möglich. Es wirkt verklemmt, wie Deutsche damit umgehen. Wenn man sieht, wie andere Länder bei Olympia oder Weltmeisterschaften mit voller Inbrunst ihre Nationalhymnen schmettern, dann ist da nichts Nationalistisches erkennbar. Das ist normaler Patriotismus, ein friedlicher Wettstreit um die besten Leistungen. Und den sollten die Deutschen durchaus ebenfalls leben und zeigen können. Nicht mehr und nicht weniger, ausschließlich aus Stolz auf die Leistung, die sie selbst erbracht haben oder an der sie in irgendeiner Weise beteiligt waren.
Der Slogan des Leitantrags: „Deutschland, aber friedlich und gerecht“ geht in diese richtige Richtung und kann als Anstoß für eine Debatte über den entspannten Umgang mit dem Thema Nationalstaat dienen.
Teilhabe und gesellschaftliche Aufbruchstimmung
Je mehr es gelingt, den Glauben an eine gerechte Gesellschaft mit den realen Rahmenbedingungen in Übereinklang zu bringen, desto mehr Menschen werden sich für eine entsprechende Programmatik interessieren und engagieren.
Diese „realen Rahmenbedingungen“ sind allerdings das Problem. Von den Voraussetzungen für eine gerechte Gesellschaft sind wir momentan weit entfernt. Es braucht einschneidende Veränderungen der Gesellschaft, wobei man letztlich an dem Kernstück dieser Veränderungen nicht vorbeikommt: Das ist die Veränderung der Verteilungsverhältnisse.
Welche Gesellschaft sollte das sein? Es lohnte sich ein Blick in die Geschichte. In die weiter zurück und in die jüngere. Die Sehnsucht nach einer gerechten Ordnung ist so alt wie die Menschheit selbst. Am Anfang standen egalitäre Formen des Zusammenlebens und mit dem Eigentum kamen die Verteilungsverhältnisse.
Jede Gesellschaft entwickelte sich weiter durch die Leistungen derer, die sie gestaltet haben. Das Kapital kann nur überleben, wenn es ständig neue Leistungen für einen Mehrwert generiert - bekannt als „Profit“. Auch die alternativen sozialistischen Modelle hatten Slogans wie „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen“.
Man kommt nicht umhin, nichts geschieht von selbst. Für die Zukunft geht es um „eine neue Gesellschaft, die ihren Namen noch sucht“. Jetzt gibt es mit dem BSW-Leitantrag „Deutschland, aber friedlich und gerecht!“ eine neue gesellschaftliche Zielorientierung.
Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wird immer größer und die Bereitschaft für Veränderungen wächst. Dies zu kanalisieren und in eine positive gesellschaftliche Aufbruchstimmung zu wandeln ist eine große Herausforderung aber gleichzeitig auch eine Chance.
Unser Autor – Jörg Großkopf - träumte einst vom Olympia-Gold. Über seine Kindheit im Oderbruch und seine Sportkarriere hat er 2022 ein Buch („Oderbruchkinder“) veröffentlicht.




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