Feindbilder sind bequem - und genau das ist das Problem!
- Roberto Makoschey

- vor 4 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Feindbilder sind gerade in den letzten Jahren wieder psychologisch effizient, politisch nützlich und rhetorisch wirkungsvoll geworden. Aber sie sind eben auch intellektuell faul und wirken gesellschaftlich zerstörerisch - wie wir erleben nach innen und nach außen. Wer ein Feindbild hegt und pflegt, muss nicht mehr denken – nur noch reagieren. Das ist bequem.
Wie ist das möglich?
Ein Feindbild reduziert komplexe Realitäten auf eine einfache Erzählung: Dort das Böse, hier das Gute. Es entlastet von Ambivalenz. Es erspart die nützliche Differenzierung. Es liefert Identität durch Abgrenzung und Ausgrenzung. Und es erzeugt moralische Überlegenheit ohne Selbstprüfung.
Das Problem: Feindbilder arbeiten mit Verallgemeinerung und starker Reduzierung. Aus einzelnen Handlungen werden kollektive Eigenschaften. Aus Kritik wird Bedrohung. Aus Konkurrenz wird Existenzkampf. Damit wird nicht nur der „Feind“ entmenschlicht – auch die eigene Perspektive verengt sich zusehends. Wer nur noch in Fronten, Gräben und Brandmauern denkt, verliert die Fähigkeit, Interessen, Motive und Zwischentöne – also verbindendes zu erkennen.
Feindbilder sind deshalb strategisch dumm. Sie verhindern Lernfähigkeit. Sie blockieren Dialog. Sie eskalieren Konflikte, die vielleicht lösbar wären. Wer glaubt, mit moralischer Empörung, Schuldzuweisungen und Ausgrenzung allein Politik oder gesellschaftliche Debatten gestalten zu können, irrt. Empörung mobilisiert zwar – aber sie ersetzt keine Analyse. Und ohne Analyse gibt es keine tragfähigen Lösungen für die Zukunft.
Feindbilder erfüllen drei Funktionen:
Sie vereinfachen. Komplexität, Vielfalt und das eigene Tun wird in einer tiefen Betrachtung zur Bedrohung, also wird unzulässig weggelassen und reduziert.
Sie stabilisieren das eigene Selbstbild. Wenn der andere eindeutig falsch liegt, muss ich mich selbst nicht hinterfragen.
Sie erzeugen Zusammenhalt durch Abgrenzung. „Wir“ definieren uns über das, was wir nicht sind.
Doch genau darin liegt ihre Gefahr: Eine Gesellschaft, die ihre Identität aus Abgrenzung statt aus eigener Substanz bezieht, wird innerlich schwach. Sie braucht ständig neue Gegner, um sich selbst zu spüren.
Feindbilder verhindern Souveränität. Souverän ist nicht, wer laut verurteilt, sondern wer Unterschiede aushält. Wer Kritik zulässt, ohne sie als Angriff zu deuten. Wer Interessen benennt, ohne sie moralisch zu verkleiden. Das heißt nicht, dass es keine Konflikte gibt. Und es heißt nicht, dass es kein Unrecht gibt. Aber zwischen klarer Positionierung und pauschaler Dämonisierung liegt ein ganz entscheidender Unterschied.
Ein Feindbild ist immer auch ein Denkverzicht. Vielleicht sollten wir uns eine unbequemere Frage stellen: Was würde passieren, wenn wir aufhören, Menschen oder Gruppen als Feinde zu denken – und anfangen, sie als Akteure mit Interessen, Ängsten und Motiven zu begreifen? Ja, das wäre viel anstrengender. Es würde Differenzierung verlangen. Es würde eigene blinde Flecken sichtbar machen. Aber es wäre viel reifer und erwachsener.
Mein Fazit: Feindbilder taugen nichts – außer zur kurzfristigen Mobilisierung. Für eine freie, lernfähige, friedensfähige und souveräne Gesellschaft sind sie Gift.
Die Frage ist also nicht, ob wir Feinde haben. Die Frage ist, ob wir sie brauchen, um zu wissen, wer wir selbst sind oder sein wollen.




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